Let’s deimplement!

freiraum

Der Begriff „Deimplementierung“ sorgt seit 2025 für kontroverse Diskussionen in der Bildungsbubble. Ursprünglich wurde das Prinzip des „Weglassens“ in der Medizin angewendet, später fand es seinen Weg in die Wirtschaft. Wisniewski und Gottschling zeigen in ihrem Buch Transfermöglichkeiten auf das Schulsystem.

Die Grundidee klingt einfach: Man lässt (unwichtige) Dinge weg, um Freiräume zu schaffen.

Doch da beginnen für das Schulsystem grundsätzliche Fragestellungen. Je nachdem, welche Akteure auf Schule blicken (z.B. Staat, Bildungsverwaltung, Schulleiter, Lehrkräfte, Eltern, Schüler:innen), verändern sich Vorstellungen, Zielsetzungen und Funktionen (vgl. Fend 2008). Dies macht Schul- und Unterrichtsentwicklung zu einem komplizierten Vorhaben, bei dem immer Kompromisse gefunden und Aushandlungsprozesse stattfinden müssen.

Dennoch stößt die Idee des Deimplementierens – auch mit vielen Fragezeichen in Bezug auf die Umsetzbarkeit – auf offene Ohren in den Schulen. Viele Bildungsakteur:innen haben das Gefühl, dass mit jedem Schuljahr neue Aufgabenbereiche an die Schulen und Lehrkräfte herangetragen werden, die sie auch noch „on top“ „machen“ sollen. Gestrichen werden Inhalte hingegen selten.

Als konkrete Prozesshilfe beim Deimplementieren kann das RAST-Schema dienen (Wisniewski & Gottschling 2025, 105f). Hinter dem Akronym RAST verbergen sich die vier Verben reduzieren, austauschen, stoppen und transformieren. Die Inhalte des zu deimplementierenden Bereichs werden in Bezug zu diesen Verben gesetzt.

Reduzieren
(= in Häufigkeit einschränken)
Austauschen
(= durch eine effizientere / effektivere Methode ersetzen)
Stoppen
(= ersatzlos streichen)
Transformieren
(= überarbeiten, damit Methode / Tätigkeit effizienter wird)

Wie können wir Russischunterricht deimplementieren?

Ich habe versucht „out of the box“ zu denken und zu überlegen, wie sich Russischunterricht deimplementieren lässt.

Aber zunächst ein paar Vorüberlegungen: Aus meiner Sicht ist die Fokussierung auf die Entwicklung der funktionalen kommunikativen Kompetenzen in einer Kultur der Digitalität (inkl. der rasanten KI-Entwicklung), einer Zeit globaler geopolitischer Krisen und einer Bedrohung demokratischer Systeme nicht mehr zielführend und zeitgemäß. Den Ansatz der kritischen Fremdsprachendidaktik sehe ich als tragfähigen Ansatz zur Weiterentwicklung von Sprachunterricht im 21. Jahrhundert. Für mich besteht das Ziel des Russischunterrichts im 21. Jh. in der Vermittlung grundlegender Russischkenntnisse, auf der eine fundierte Regionalkenntnis des Post-Ost Raums aufbaut. (Siehe dazu auch „Zukunft denken lernen„).

Hier ein Versuch das RAST-Schema zur Deimplementierung von Russischunterricht auszufüllen:

Reduzieren:
– Ansprüche an Entwicklung (aller) funkt. kommunikativer Kompetenzen reduzieren, z.B. rezeptiv vor produktiv oder Sprechen vor Schreiben …
Austauschen:
– Methodische Ansätze wie Individualisierung zur Stärkung der Student Agency
Stoppen:
– Standardisierung und „Gleichschaltung“ aller Sprachen (in Bezug auf Progression)
– Vermittlung stereotyper, trivialer „landeskundlicher“ Inhalte

Transformieren:
– Sprachunterricht in den Gesellschaftswissenschaften verorten, Ansatz krit. Fremdsprachendidaktik

Um Freiräume für eine vertiefte inhaltliche Auseinandersetzung zu schaffen, ist die Reduktion der Anforderungen im Bereich der funktionalen kommunikativen Kompetenzen notwendig. Um eine gemeinsame Grundlage zu schaffen und über sprachliche Basiskompetenzen zu verfügen, sollten die Lernenden in den ersten beiden Lernjahren gemeinsam wie bisher in allen kommunikativen Kompetenzbereichen das Niveau A2 erzielen. Ab dem 3. Lernjahr (meist Jahrgang 8 oder 9) sollte dann wenn entweder eine Fokussierung auf die rezeptiven kommunikativen Kompetenzn (Hör-/Sehverstehen und Lesen) oder auf das Sprechen stattfinden.

Die geschaffenen Freiräume könnten dann zur inhaltlichen Auseinandersetzung (im Sinne der kritischen Fremdsprachendidaktik) genutzt werden. Dies verortet den Sprachunterricht näher bei den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern. Auf diese Weise können Russischlehrer:innen auch den zu diesem Zeitpunkt fortgeschrittenen kognitiven Entwicklungsstand berücksichtigen und die kognitive (inhaltliche) Unterforderung verhindern.

Bringt man diese Gedanken mit den Impulsen des OECD-Lernkompass zusammen, basiert der Russischunterricht der Zukunft auf einer starken Individualisierung und Student Agency. Besonders für sprachliche heterogene Russischlerngruppen wäre dies ein Gewinn.

  • Fend, Helmut (2008): Neue Theorie der Schule. Einführung in das Verstehen von Bildungssystemen. 2., durchges. Aufl. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss.
  • Wisniewski, Benedikt (2025): Was Schulen fehlt, ist der Mut zum Weglassen. Deutsches Schulportal. Online verfügbar unter https://deutsches-schulportal.de/expertenstimmen/was-schulen-fehlt-ist-der-mut-zum-weglassen/, zuletzt geprüft am 31.01.2026.
  • Wisniewski, Benedikt; Gottschling, Barbara (2025): Weniger macht Schule. Wie De-Implementierung schulische Freiräume schafft. 1. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer Verlag.