In diesem Beitrag stelle ich dar, wie ein dekolonialer Denkansatz neue Impulse für die Unterrichts- und Materialentwicklung setzen kann.
Während in der Englisch-, Französisch- und Spanischdidaktik die Auseinandersetzung mit rassismuskritischen und dekolonialistischen Ansätzen – auch aufgrund der Diskurse in den jeweiligen Bezugsdisziplinen – schon relativ verbreitet ist (Vernal Schmidt 2025; Vernal Schmidt & Mihan 2025), steht dieser Diskurs in der Russischdidaktik noch am Beginn. Dies hängt auch mit den blinden Flecken der deutschen Slavistik / Osteuropaforschung und dem gesamtdeutschen (unreflektierten/naiven) Umgang mit der Russischen Föderation in den letzten 20 Jahren zusammen. Dies ändert sich seit Beginn des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine schrittweise und der sowjetische und russländische (Neo-)Imperialismus im 20. und 21. Jahrhundert sowie seine bis heute andauernden Folgen im gesamten postsowjetischen Raum geraten zunehmend in den Fokus von Wissenschaft und Journalismus (vgl. Fücks 2022; Florin 2022).
Die Antwort auf die Frage, ob die Sowjetunion als Imperial- oder Kolonialmacht anzusehen ist, hängt von den zugrunde gelegten Analysekategorien ab (Feinberg 2024). Konstatieren lässt sich aber, dass in der Sowjetunion imperialistische und kolonialistische Strukturen herrschten, die mit einer rassistischen, degradierenden Haltung gegenüber nicht-slavischen Ethnien auf sowjetischem Staatsgebiet einhergingen. Zudem herrschte ein linguistischer Imperialismus mit Russisch als dominierende Sprache gegenüber den übrigen existierenden Sprachen (Phillipson 2013). Bis heute spiegeln sich viele dieser Strukturen in der russländischen Gesellschaft und im außenpolitischen Handeln Russlands wider.
Dirim (2017: 15) konstatierte, dass nicht nur in gesellschaftlichen, sondern auch in pädagogischen Räumen „koloniale Denktraditionen nicht überwunden, sondern […] weiterhin in verschiedenen Varianten wirksam“ seien. Dies trifft auch auf die häufig unreflektierte Fokussierung der Fachdidaktik Russisch auf ein ethnisch, sprachlich und kulturell homogenes (slavisch-russisches) Russland zu. In vielen älteren Russischlehrwerken werden andere, nicht-slavische Ethnien auf russländischem Territorium nicht/kaum thematisiert – und wenn geht dies meist mit ihrer Exotisierung und einer damit impliziten Zuschreibung von romantisierender Ursprünglichkeit sowie kultureller und zivilisatorischer Rückständigkeit einher. Die baltischen, kaukasischen und zentralasiatischen Staaten des Post-Ost-Raums finden als neue Nationalstaaten selten überhaupt Erwähnung. Wenn sie dargestellt werden, ist besonders bei der Darstellung des Kaukasus und Zentralasiens eine Exotisierung (v.a. Orientalisierung) zu beobachten, in der auch häufig eine Trauer über den Bedeutungsverlusts des Russischen als Verkehrssprache in diesen Regionen mitschwingt.
Was bedeutet das für den Russischunterricht?
Einen dekolonialen Ansatz im Russischunterricht zu wählen, kann unterschiedliche Facetten beinhalten. Einerseits kann (mit fortgeschrittenen) Lerner:innen eine thematische Auseinandersetzung mit dekolonialen Perspektiven erfolgen. Dazu eigenen sich z.B. aktuelle Dekolonialisierungsdiskurse – ausgehend von ethnischen Minderheiten – innerhalb von Russland (s. Multiethnizität und Mehrsprachigkeit in Russland) oder im Post-Ost Raum (s. z.B. das kirgisische Projekt Эсимде) oder die Rolle des Russischen im Post-Ost Raum.
Andererseits sollten Russischlehrer:innen bei der Materialauswahl eine kritische dekoloniale Brille aufsetzen und Lehrmaterialien in Bezug auf die inhaltliche und visuelle Repräsentation kritisch prüfen.

- Dirim, İ. (2017). Linguizismus und linguizismuskritische pädagogische Professionalität. Slowakische Zeitschrift für Germanistik, 9(1), 7–17. https://wp.sung.sk/szfg-2017-jahrgang-9/
- Feinberg, J. G. (3. April 2024). Coloniality or Imperiality (in Eastern Europa, for Example). dВЕРСИЯ. https://dversia.net/7940/coloniality-imperiality-eng/
- Florin, M. (21. April 2022). Zentralasien und die Dekolonisierung der Osteuropaforschung.: Gedanken anlässlich des russischen Überfalls auf die Ukraine. zeitgeschichte.online. https://zeitgeschichte-online.de/themen/zentralasien-und-die-dekolonisierung-der-osteuropaforschung
- Fücks, R. (2022, 9. Juni). Die langen Linien des russischen Imperialismus. https://russlandverstehen.eu/de/russischer-imperialismus-fuecks-vorlesung-uni-kassel/
- Tlostanova, M. (2020). The postcolonial condition, the decolonial option, and the postsocialist intervention. In M. Albrecht (Hrsg.), Postcolonialism cross-examined: Multidirectional perspectives on imperial and colonial pasts and the neocolonial present (S. 165–178). Routledge Taylor & Francis Group. https://doi.org/10.4324/9780367222543
- Tlostanova, M. & Mignolo, W. D. (2009). Global Coloniality and the Decolonial Option. Kult, 6(Special Issue), 130–147 (The Latin American Decolonial Option and its Ramifications).
- Vernal Schmidt, J. M. & Mihan, A. (2025). Rassismuskritische Lehrwerkanalyse in den fremdsprachlichen Fächern: Impulse und handlungsleitende Orientierungen. Fremdsprachen Lehren und Lernen, 54(2), 26–40. https://doi.org/10.24053/FLuL-2025-0025
- Vernal Schmidt, J. M. (2025). Zur Relevanz und Notwendigkeit einer dekolonialistisch-rassismuskritischen Reflexion als (Analyse-) Perspektive für die Spanischdidaktik. Zeitschrift für Fremdsprachenforschung, 36(1), 35–55. https://doi.org/10.3278/ZFF2501W004
- Binder, E. & Kaltseis, M. (2025). Audiovisuelle Medien im Russischunterricht. narr Studienbücher. Narr Francke Attempto. https://doi.org/10.24053/9783823395126
- Tlostanova, M. (2023). What is decoloniality?
https://www.youtube.com/watch?v=Y1mXCOj2SGs - Das kirgisische Projekt Эсимде macht es sich zur Aufgabe, die eigene, kirgisische Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts aufzuarbeiten
- Die Hefte 1 – 3 der Publikationsreihe „Russisch im Kontext“ greifen dekolonialistische Ansätze in ihren Unterrichtsmaterialien auf


