Russisch ist eine Weltsprache, eine der sechs UN-Sprachen und wird (laut ethnologue) von mehr als 250 Millionen weltweit als Erst- oder Zweitsprache gesprochen – und wird doch von vielen Menschen als erstes mit der Russischen Föderation assoziiert.
Seit Beginn des russländischen Angriffskriegs auf die Ukraine 2022 stößt man heute immer wieder auf die Frage, wem die russische Sprache gehöre und wie man sich zu ihr / ihrem Gebrauch positionieren kann. Damit verbunden sind politische, gesellschaftliche und identitäre Fragestellungen, die ich im Folgenden anzureißen versuche.
In vielen Staaten des Post-Ost Raums wird die Verbreitung und der Gebrauch des Russischen mittlerweile aus dekolonialer Perspektive hinterfragt (vgl. Franke 2023; Achilli et al. 2023). Die russische Sprache ist historisch mit imperialer Gewalt verknüpft und wirkte durch seine erzwungene Verbreitung weit in alle gesellschaftlichen Teilbereiche ein, „the control of knowledge and subjectivity through education and colonizing the existing knowledges, which is the key and fundamental sphere of control that makes domination possible“ (Tlostanova & Mignolo 2009: 135). Andererseits hat sich die Bevölkerung das Russische durch seine lange Verbreitung lokal auch zu eigen gemacht und ist für viele Menschen bis heute Erstsprache.
Die Russische Föderation nutzt das Russische (wieder) als Instrument zur Verbreitung seiner neoimperialistischen Ideen (z.B. über die staatlichen Organisationen Русский мир und Евразия). Unverhohlen wird es als Argument zur Legitimierung des Angriffskriegs auf die Ukraine eingesetzt. Aber auch im Post-Ost Raum wird über die Förderung des Russischen versucht, den russländischen Einflussbereich zu vergrößern. So unterstützt die staatliche Organisation Евразия das kirgisische Bildungssystem mit Schulbüchern und entsendet Russischlehrer:innen nach Kirgistan (Baslé 2026).
In Deutschland gehört Russisch zu den weit verbreiteten Herkunftssprachen (vgl. Russisch als Herkunftssprache), d.h. dass deutsch-russische Zweisprachigkeit schon seit Jahrzehnten weit verbreitet ist. Die Sprechergemeinschaft setzt sich aus verschiedenen Gruppen von Immigrant:innen aus dem Post-Ost Raum zusammen (Mehlhorn 2020). Für viele von ihnen ist Russisch Erstsprache und damit Teil ihrer sprachlichen Identität – unabhängig davon, welcher Nationalität sie angehören. Seit Beginn des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine 2022 berichteten viele Russischsprachige einerseits von Anfeindungen oder Schamgefühl, wenn sie auf der Sprache Russisch sprachen und andererseits von dem Trotz, sich seine Erstsprache nicht nehmen lassen zu wollen (vgl. Musavi 2026 ).
In slavistischen Diskursen wird dafür plädiert von russophonen Sprechergemeinschaften zu sprechen (analog zur Frankophonie). Mithilfe dieses Konzepts könnten die einzelnen Sprachvarietäten des Russischen, die in Abhängigkeit von Sprechergemeinschaften und beeinflussenden Umgebungssprachen global entstehen, Anerkennung erfahren (vgl. Achilli et al. 2023).
Was bedeutet das für den Russischunterricht?
Im Russischunterricht lässt sich die aufgeworfene Frage, wem das Russische gehöre, didaktisch und thematisch begegnet werden. Aus didaktischer Perspektive erscheint es heute wichtiger denn je, die individuelle (Sprach-) Biographie seiner Schüler:innen zu kennen (z.B. mithilfe der Sprachenportraits) und mithilfe dieses Wissens das Verhältnis der Schüler:innen zum Russischen einschätzen zu können. Zudem sollten die mitgebrachten herkunftssprachlichen Vorkenntnisse Wertschätzung erfahren und eventuelle Abweichungen zum Standardrussischen thematisiert und analysiert, aber nicht abgewertet werden.
Thematisch lassen sich viele Anknüpfungspunkte an die o.g. Inhalte finden, die auch für Russischlernende von Interesse sind. Vorstellbar sind z.B.
- Individuelle und gesellschaftliche Mehrsprachigkeit
- Sprachgebrauch von Jugendlichen im Vergleich (vgl. Kukla 2026)
- Sprache als Machtinstrument

- Achilli, A., Finkelstein, M. & Frieß, N. (6. Juni 2023). Russophonie – Russische Sprache im Plural – дekoder | DEKODER. https://www.dekoder.org/de/gnose/russophonie-russische-sprache/
- Franke, T. (1. Januar 2023). Sprachpolitik: Russisch als Machtinstrument. Deutschlandfunk. https://www.deutschlandfunk.de/russisch-sprache-machtinstrument-100.html
- Mehlhorn, G. (2020). Herkunftssprachen und ihre Sprecher/innen. In I. Gogolin, A. Hansen, S. McMonagle, D. Rauch & G. Mehlhorn (Hrsg.), Handbuch Mehrsprachigkeit und Bildung // Herkunftssprachen und ihre Sprecher/innen (23-29). Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978-3-658-20285-9_3
- Tlostanova, M. & Mignolo, W. D. (2009). Global Coloniality and the Decolonial Option. Kult, 6(Special Issue), 130–147 (The Latin American Decolonial Option and its Ramifications).
- Baslé, G. (22. Mai 2026). Kirgistan. Autoritär statt Demokratie, Arte Reportage. https://www.arte.tv/de/videos/131868-000-A/kirgisistan-autoritaer-statt-demokratie/
- Dzhenyshpekova, B. (2025). Linguistic decolonization in Kyrgyzstan. Eurac Research. https://www.eurac.edu/en/blogs/eureka/linguistic-decolonization-in-kyrgyzstan
- Kukla, K. (24. Januar 2026). Identitätsfindung durch Sprache: Junge Stimmen zur sich wandelnden Sprachlandschaft Kasachstans. Deutsche Allgemeine Zeitung. https://daz.asia/blog/identitaetsfindung-durch-sprache-junge-stimmen-zur-sich-wandelnden-sprachlandschaft-kasachstans/
- Musavi, N. (12. Juli 2026). Russisch als Muttersprache. Nicht nur die Sprache des Aggressors, sondern auch meine. taz. https://taz.de/Russisch-als-Muttersprache/!6195393/
- Najem, M. (25. April 2019). „Russland hat kein Monopol auf die russische Sprache!” – дekoder | DEKODER. https://www.dekoder.org/de/article/russische-paesse-donbass-putin/


