Demokratielernen, politische Neutralität und Beutelsbacher Konsens

democracy is not a spectator sport

Liberale, demokratische Gesellschaften stehen weltweit zunehmend unter Druck, besonders von rechten antidemokratischen Parteien. Daher muss es immer stärker auch Aufgabe der Schule sein, gegen gesellschaftliche Tendenzen vorzugehen, die eine offene, liberale und diverse Gesellschaft in Frage stellen. „Demokratielernen“ / „Demokratiebildung“ wird daher als wichtige Querschnittsaufgabe für den Unterricht in allen Fächern gesehen.

In den letzten Jahren wurde wiederholt – von rechts – versucht Lehrer:innen mithilfe einer falsch verstandenen Behauptung bezüglich einer „Neutralitätspflicht“ einzuschüchtern. In vielen Schulen führt dies zu Verunsicherung unter Lehrkräften. Im Schulbarometer 2026 geben 18% der befragten Lehrer:innen an (unter den befragten Lehrkräften aus Ostdeutschland lag der Anteil mit 27% erheblich höher), dass sie sich durch ein vermeintliches Neutralitätsgebot in ihrem eigenen Handeln verunsichert fühlen (Robert Bosch Stiftung 2026: 29).

Dabei ist klar festzuhalten, dass es keine „Neutralitätspflicht“ für Lehrer:innen (egal ob Beamt:innen oder Angestellte) gibt. Vielmehr bekennen sie sich zur freiheitlichen-demokratischen Grundordnung, treten für den Erhalt des Grundgesetzes ein, und sind der Landesverfassung und den geltenden Gesetzen (v.a. dem Schulgesetz) verpflichtet. Dies alles schließt eine Werteneutralität aus – was sich z.B. in einer ablehnenden Haltung gegenüber antidemokratischen Positionen äußern muss (Wrase 2020).

Mit diesem Wissen kann die Schule als Ort der Erziehung und Bildung nicht wertneutral sein. Als öffentliche Einrichtung ist sie ein Ort, der – gestützt auf Grundgesetz, Landesverfassung und Schulgesetz – demokratische Werte achtet und verwirklicht.

Als Grundsatz für die politische Bildung wurde 1976 der sog. Beutelsbacher Konsens erarbeitet, in ihm sind drei Grundsätze für politische Bildung festgehalten.

  1. Das Überwältigungverbot, was verbietet Schüler:innen mit einer gewünschten Meinung zu überrumpeln und sie dadurch an einer selbstständigen Urteilsbildung zu hindern;
  2. Das Kontroversitätsgebot, was besagt, dass sich Kontroversen aus Wissenschaft und Politik auch im Unterricht wiederfinden müssen;
  3. Die Schülerorientierung, die Schüler:innen in die Lage versetzen soll, eigene Positionen zu analysieren und sich am politischen Prozess zu beteiligen.

Für den Unterricht heißt dies, dass unterschiedliche Meinungen und Standpunkte benannt werden dürfen – aber verfassungs- und demokratiefeindliche Positionen von Lehrer:innen als diese benannt werden müssen! (Ministerium für Bildung, Jugend und Sport. Land Brandenburg 2025).

… und was hat das mit Russischunterricht zu tun?

Der Ansatz der Kritischen Fremdsprachendidaktik plädiert dafür, dass Demokratielernen fester Bestandteil des Sprachunterrichts sein müsse und sich der Unterricht stärker als gesellschaftswissenschaftliches Fach verstehe.

Inhaltlich heißt dies, dass im Russischunterricht zu Themen wie antiliberalen und antidemokratischen Tendenzen in Russland und dem Post-Ost Raum oder dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf die Ukraine kritisch Stellung genommen wird.

Didaktisch gibt es verschiedene Möglichkeiten den Unterricht selbst zu „demokratisieren“, indem Schüler:innen an der Inhaltsauswahl und methodischen Unterrichtsgestaltung Mitsprachemöglichkeiten eingeräumt werden.

  • Böhmer, J. & Dornicheva, D. (2023). Wie politisch darf bzw. muss Sprachunterricht sein? Vorschläge zur Auseinandersetzung mit dem russländischen Angriffskrieg auf die Ukraine im Russischunterricht. Slavische Sprachen unterrichten (SlavUn)(01), 102–116. https://doi.org/10.20377/slavun-8
  • Breidbach, S. & Mihan, A. (2025). Bildender Fremdsprachenunterricht, Critical Literacy und Öffnungsgesten inhaltlicher und interaktionaler Art – Perspektiven für die Lehrkräftebildung. In N. Kulovics, O. Mentz & T. Raith (Hrsg.), Grenzen, Grenzräume, Entgrenzungen: Perspektiven in der Fremdsprachenforschung (S. 295–315). wbv.
  • Robert Bosch Stiftung. (2026). Deutsches Schulbarometer 2026. Befragung Lehrkräfte: Ergebnisse zur aktuellen Lage an allgemein- und berufsbildenden Schulen. Stuttgart. https://bosch-stiftung.de/publikation/deutsches-schulbarometer-lehrkraefte-2026
  • Wrase, Michael (2. Dezember 2025). Wie politisch dürfen Lehrkräfte sein? | Politische Bildung | bpb.de. Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/306955/wie-politisch-duerfen-lehrkraefte-sein/