Negative Gefühle

bad feelings

Während es in den meisten anderen Beiträgen um den Russischunterricht geht, richte ich in diesem Beitrag den Fokus auf die Lernenden. Konkret soll es um negative Gefühle und Emotionen im Sprach-/ Russischunterricht gehen. Meine „anekdotische Evidenz“ bereichere ich mit fachdidaktischen Beobachtungen und Forschungsergebnissen.

Sehr viele Kolleg:innen, die eine zweite Fremdsprache wie Franzöisch, Spanisch oder Russisch unterrichten, berichten davon, dass ihre Lernenden nach der Anfangseuphorie in ein tiefes „Tal der Tränen“ fallen. In Abhängigkeit von der Sprache beginnt dies nach dem ersten oder zwei Lernjahr (bei Franzöisch und Russisch meist ein bisschen eher als bei Spanisch). Die Gründe dafür sind vielfältig (vgl. Caspari 2021):

  • Meist beginnt dann die Phase, in der die Schüler:innen mit Chunks nicht mehr weiterkommen – ungünstigerweise fällt dies meist auch mit dem Beginn der Pubertät zusammen (vieles wird wichtiger als Sprachen lernen);
  • Im Vergleich zum Englischen verfügen alle zweiten Fremdsprachen über eine komplexere Morphologie: Im Franzöischen und Russischen werden sie damit recht bald nach Lernbeginn konfrontiert, im Spanischen dauert es etwas länger (spätestens beim Thema Subjuntivo verstehen die Schüler:innen dann aber auch die Komplexität);
  • Häufig fehlt den Lernenden grammatikalisches Grundwissen / Sprachstrukturwissen, zudem sind sie kleinschrittige Übungsformen aus dem Englischunterricht nicht gewohnt;
  • Die Lernenden vergleichen sich und ihre Sprachfähigkeiten ständig mit dem Englischen – und vergessen dabei, dass sie Englisch schon viel länger (tw. seit der Grundschule) lernen und dass sie von Englisch ständig im Alltag / im digitalen Raum umgeben sind.

Diese Gründe – und wahrscheinlich noch einige andere – führen zu einem subjektiv empfundenen negativen Kompetenzerleben. Dies geht wiederum mit negative Gefühle gegenüber dem Sprachunterricht und führt häufig dazu, dass die Schüler:innen vollständig resignieren und nur noch den Zeitpunkt herbeisehen, wann sie die zweite Fremdsprache endlich abwählen können. In Anbetracht der vielen Unterrichtsstunden in Sekundarstufe I, die für den Erwerb der zweiten Fremdsprache zur Verfügung stehen, ist dies eine sehr traurige Beobachtung.

Was tun?

Was können wir als Lehrer:innen tun, um diesen negativen Gefühlen entgegenzuwirken? Es gibt sicherlich nicht das eine Rezept, mit dem man alle Lernenden für den Spracherwerb begeistern kann, aber folgende Ansätze haben in meinem Unterricht Erfolg gehabt:

  • Als Lehrer:in authentisch sein und für das Fach / die Sprache brennen: die Begeisterung überträgt sich;
  • Die Interessen der Schüler:innen abfragen und in die Unterrichtsplanung mit einbeziehen;
  • Die Sprache erlebbar machen – im Unterricht oder bei außerschulischen Aktivitäten;
  • Das Lehrwerk als Steinbruch benutzen und ggf. die Auswahl von Themen + Grammatik anpassen. Grammatische Themen immer wieder aufgreifen und wiederholen (langsam vom rezeptiven zum produktiven Gebrauch übergehen) (vgl. Schmelter 2016);
  • Den Lernenden die Möglichkeit geben, sich als kompetente Sprachlernende wahrzunehmen
  • Caspari, Daniela (2026): Was bedeutet es, eine Fremdsprache „zu erleben“? Und was hat das mit dem Unterricht in den 2./3. Fremdsprachen zu tun? Studientag 2026. FU Berlin. Berlin, 03.07.2026. Online verfügbar unter https://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/we05/romandid/Veranstaltungen/Studientag/sonstige-Materialien/2026-Einfuehrungsvortrag_2_3_-Fremdsprachen-erleben_Caspari.pdf.
  • Caspari, Daniela (2021): Der Französischunterricht in der Krise – und mit ihm die Bedeutung der Schulfremdsprachen außer Englisch. In: Matthias Grein, Birgit Schädlich und Janina M. Vernal Schmidt (Hg.): Die Krise des Französischunterrichts in der Diskussion. Empirische Forschung zur Frankoromanistik – Lehramtsstudierende im Fokus. Berlin: Metzler (Literatur-, Kultur- und Sprachvermittlung:LiKuS), S. 25–43.
  • Fritz, Julia (2020): Fremdsprachenunterricht aus Schülersicht. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag (Gießener Beiträge zur Fremdsprachendidaktik).
  • Schmelter, Lars (2016): Grammatik(arbeit) – neu gedacht. In: Lutz Küster und Ulrich Krämer (Hg.): Mythos Grammatik? Kompetenzorientierte Spracharbeit im Französischunterricht. 2. Auflage. Seelze: Klett Kallmeyer, 74-92.