In den heutigen Russischkursen sitzen aufgrund der gesetzlichen Einwanderungsrestriktione kaum noch russlanddeutsche Lerner:innen der ersten Generation. Die meisten Lernenden mit russlanddeutschen Wurzeln, die den schulischen Russischunterricht besuchen, zählen zur zweiten Generation. Häufig steht bei der Beschäftigung mit diesen Herkunftssprechern:innen (es gibt natürlich auch noch Herkunftssprecher:innen, die keine russlanddeutschen Wurzeln haben) der sprachliche Aspekt im Vordergrund: z.B. didaktische Fragen in Bezug auf die Möglichkeiten ihrer Sprachentwicklung oder methodische Fragen zur Gestaltung von Differenzierungsangeboten.
Die Auseinandersetzung mit russlanddeutscher Kulturgeschichte als Schwerpunkt für das kulturelle Lernen ist im Russischunterricht noch nicht so stark verbreitet. Das Spannende an diesem Themenkomplex ist, dass er so viele spannende Anknüpfungspunkte bietet, die einerseits (weite) historische Rückblicke ermöglichen und andererseits (un-) mittelbar an die Lebenswelten der Lernenden anknüpfen.
Folgende inhaltliche Schwerpunkte sind denkbar (auch verknüpfbar zu einer Unterrichtseinheit):
- Gründe für die Einladung der Zarin Ekaterina II. von deutschen Siedler:innen ins russische Zarenreich, Ansiedlung in der Wolgaregion
- Deportationen im Zuge des Zweiten Weltkriegs unter Stalin nach Sibirien und Zentralasien
- „Rückkehr“ nach Deutschland, v.a. in den 1990er Jahren
- Ankommen in Deutschland, Erwartungen, Identitätskonflikte
- Russlanddeutsche Kultur heute
Methodisch lassen sich je nach Alter und Zusammensetzung der Lerngruppe unterschiedliche Zugänge wählen. Denkbar sind autobiographische oder literarische Texte (z.B. Peter (2025) oder Wolf (2024)), Sachtexte und Podcasts. Zudem können sich auch Lernende mit russlanddeutschen Wurzeln auf Spurensuche nach ihrer Familiengeschichte machen, indem sie ihre (Groß-) Eltern / Verwandten interviewen, alte Dokumente und Familienfotos analysieren, Migrationskarten erstellen, nach Ortsnamen recherchieren, (Familien-) Sprachwechsel dokumentieren etc. (natürlich nur, wenn die Familie einverstanden ist). Auch das Thema „Identität“ lässt sich anhand russlanddeutscher Kulturgeschichte gut untersuchen.

- Peter, Ira (2025): Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen. München: Goldmann.
- Wolf, Lena (2024): Möge die Welt dein Zuhause sein! Eine deutsche Geschichte aus Kasachstan. Unter Mitarbeit von Christoph Heuer. London: KAZAKHGERMAN.
- Yelenevskaya, Maria; Protassova, Ekaterina (2021): Teaching languages in multicultural surroundings: New tendencies. In: Russian Journal of Linguistics 25 (2), S. 546–568. DOI: 10.22363/2687-0088-2021-25-2-546-568.
- „Steppenkinder – der Aussiedler Podcast“
- „Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte“ in Detmold
- „Russlanddeutsche“ – Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung
- Zahlreiche Veröffentlichungen vom ZOIS


